Christoph Ingehoven PortraitChristoph Ingenhoven zählt zu den führenden Architekten, die sich für nachhaltige und ökologisch orientierte Architektur einsetzen. Alle Projekte orientieren sich an internationalen Standards wie LEED, ASHRAE, Swiss Minergy Standard, BREEAM, DNGB oder dem European Standard 2000. Inhaltliche Fragestellungen werden dabei immer an der Effizienz, der ökologischen Verantwortung, dem ökonomischen Umgang mit Ressourcen und der technischen Machbarkeit gemessen. So entsteht eine von innovativer Technologie geprägte, den Bedürfnissen der in den Gebäuden lebenden und arbeitenden Menschen entsprechende Architektur, die auch die Verantwortung der Architekten für die Umwelt widerspiegelt.

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Christoph Ingenhoven:
„Die Herausforderung begreifen“

„Wenn der Erfolg oder Versagen des Planeten und der menschlichen Spezies davon abhängen, wie ich bin und was ich tue... Wie sollte ich dann sein? Was würde ich dann tun?“ – für den Architekten Buckminster Fuller war dem Finden ökologischer Lösungen für unübersehbare globale Probleme verpflichtet. Fullers visionäres Lebenswerk gründete sich auf eben diesem Bewusstsein für das Verbundensein aller Dinge, sei es in Umweltplanung, Städtebau, Verkehrsplanung, Architektur, oder der Erfindung von nützlichen Gegenständen des alltäglichen Lebens. Nachhaltigkeit als Prämisse für die Entwicklung einer zukunftsfähigen Architektur: In städtischen Strukturen ebenso wie in Entwurf und Ausführung ist der werterhaltende, ressourcenschonende Umgang mit Materialien und Konstruktionen angesagt, unter Einsatz intelligenter Technologien, innovativer Bauweisen, ökologisch verträglicher Baustoffe und umweltbezogener Energiebewirtschaftung. Diese Grundlagen gilt es in neue architektonische Konzepte zu integrieren.

Oder , wie es Christoph Ingenhoven einmal so treffend umrissen hat: „Architektur ist Bauen in Verantwortung vor der Gesellschaft.“ Alle architektonischen Entwürfe reagieren auf die Vielfalt gesellschaftlicher, politischer und rechtlicher Bedingungen sowie ökonomischer, technischer und funktionaler Kriterien – sie sind das Produkt dieser Verhältnisse. „Gerade weil es darum geht, die Zukunft zu gestalten, brauchen wir Visionen und Perspektiven, die weiter reichen als der übliche politische Vierjahreshorizont, ist die „Nachhaltigkeit“ eine Aufgabe für Politik und Architektur gleichermaßen.“ Der natürliche Evolutionsprozess sollte auf die Fragen nach den Perspektiven zukünftiger Architektur die bestimmende Leitlinie zukünftiger Generationen von Ingenieuren und Architekten sein. Der größte Teil vergangener und gegenwärtiger Architekturen ist und war für ihn eine Architektur ohne Architekten. „Den Grad erfolgreichen Angepasstseins und Sicheinfügens in ein komplexes ökologisches, soziales, ökonomisches und kulturelles Netzwerk, durch den sich diese Architekturen in aller Regel auszeichnen, müssen wir uns als Reservoir zukünftiger Architektur erschließen. Die immensen Erfahrungen, die in diesen evolutionsähnlichen Anpassungsprozessen komprimiert wurden, bilden das Rückgrat unserer eigenen Arbeit und sollten aufmerksamer als bisher wissenschaftlicher Erkenntnisarbeit unterzogen und so nutzbar gemacht werden. Denn in ihnen finden wir alle Aspekte der Minimalisierung, Effizienz, Eleganz, Synergie, Natürlichkeit, Nützlichkeit, Logik, Notwendigkeit und Schönheit, wie wir sie uns für Gebäude vorstellen.“ Es gilt, Klarheit und Nachvollziehbarkeit sowie Verständlichkeit als unabdingbare Voraussetzung guter Architektur zu rehabilitieren. Einheit ist dabei weder eine neue Erkenntnis noch ein Wert an sich, sondern eine wünschenswerte Folge richtiger und logischer Entscheidungen. Man muss Funktion und Weg unmittelbar erfassen können, ohne technische Hilfen und Hinweise.

„Wer kennt nicht die gestressten, reizüberfluteten Reisenden auf Flughäfen, die mühsam nach Piktogrammen und Wegweisern suchen müssen und doch ohne Orientierung bleiben?“ Für Christoph Ingenhoven sind unsere Lebensverhältnissen äußerst kompliziert und unübersichtlich geworden. Arbeits- und Wohnwelten überreizen und überfordern permanent die physische wie psychische Koordination und Kontrolle. Gebäude sollten daher dazu beitragen, die Lebensverhältnisse zu entspannen und das Leben zu erleichtern, anstatt ein aufdringliches Eigenleben zu führen. „Es wird uns künftig mehr als in der Vergangenheit beschäftigen, inwieweit die physischen Raumkonstellationen und Raumbeschaffenheiten, die sich immer auch auf die Psyche auswirken, den Urbedürfnissen nach Sicherheit, Fluchtmöglichkeiten und Schutz entsprechen. Da das, was über Tausende von Jahren das menschliche Verhalten geprägt hat, unsere Gefühle auch heutzutage mehr bestimmt und beherrscht als die technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, müssen wir unsere Möglichkeiten an diesen Grundlagen unseres Verhaltens messen und ausrichten. Dass Raum und Ruhe zwei der begehrtesten Lebensgüter geworden sind, kann uns von daher nicht überraschen.“

Mit weniger mehr zu erreichen, mit geringerem Ressourcenverbrauch mehr Nutzwert zu generieren – das ist für ihn die zentrale, wenn auch nicht die einzige Aufgabe im Planungsprozess. Effizienz sollte daher zum Schlüsselbegriff einer neuen Generation von Gebäuden werden.

Die Flut elektronischer Medien, die mobilen Kommunikationstechniken und die Entwicklung der Präsentations- und Videokonferenztechniken haben für ihn zwar die Quantität vermittelter Informationen erheblich gesteigert, aber Qualität, Zuverlässigkeit und Fehlerfreiheit menschlicher Kommunikation eher behindert. „Um so eher müssen wir Räume und Gelegenheiten, Plätze und Orte für das direkte Gespräch und für die vollständige, unmissverständliche Kommunikation schaffen: je komplexer unsere Berufswelt, desto wichtiger der Raum für das informelle, konzentrierte, persönliche Gespräch; je weitgehender die Zersiedlung unserer Wohn- und Gewerbevorstädte, desto wichtiger der Marktplatz.“ Unsere von „Fachleuten“ bestimmten Planungen begünstigen die Entstehung von additiven Produkten. Wir kapitulieren vor der Komplexität der Einzelanforderungen und suchen die Lösung in möglichst großer Unabhängigkeit. Dabei entstehen große Verluste an Raum, Zeit, Geld und Rohstoffen. So mahnt Christoph Ingenhoven bei aller Euphorie hinsichtlich der Optimierung von Klimaanlagen oder auch der Entwicklung doppelter oder mehrschichtiger Fassadensysteme, die Frage nach dieser einfachen und lebensnotwendigen Funktion der Gebäudehaut nicht zu vergessen und stets bemüht zu sein, möglichst direkte natürliche Ventilation zu erlauben. Nichts geht über natürliches Licht. Keine noch so energiesparende und tageslichtadäquate künstliche Beleuchtung tröstet über den Verlust sinnlicher Tages- und Jahreszeitenerfahrung hinweg. „Unser Ehrgeiz sollte darin liegen, natürliche Reflexe zur Grundlage unserer Überlegungen zu machen und Räume für Menschen direkt und natürlich zu belichten, was allzu tiefe Gebäudestrukturen von vorneherein ausschließt.“ Eigene persönliche Erfahrungen als Grundlage individuellen Handelns spielen in der Entwurfstätigkeit für Gebäude neuerer Generationen eine immer wichtigere Rolle. Der Nutzer vertraut sich nun einmal ungern einer automatischen Klimakontrolle an, sondern greift aufgrund eigenen Empfindens gerne selbst steuernd ein. Gebäude sollten dies ermöglichen und erleichtern. Gute Gebäude bieten so Unabhängigkeit von fremdbestimmter oder automatisierter Technik, sie eröffnen Handlungsspielräume und persönliche Autonomie.

„Wir sind einer derartig starken Geräuschbelästigung ausgesetzt, dass wir die Geräusche, die von Gebäuden verursacht werden, oft kaum wahrnehmen. Während wir gegenüber den Zumutungen äußerer Lärmquellen höchst sensibilisiert sind, sollten unsere Sinne in Zukunft auch für die Eigengeräusche der verschiedenen Gebäudesysteme geschärft werden.“ Die Vielzahl elektronischer Geräte - Telefone, Klima- und Lüftungsanlagen, Computer, Aufzugsmaschinen – und die von diesen Geräten verursachten Geräusche kombiniert mit der Grundgeräuschberieselung in Großraumbüros oder der Musik in Fahrstühlen und Supermärkten zählen zu diesen Zumutungen moderner Gebäudetechnik, die nur durch einen unsinnig hohen Schallabsorptions- und Isolationsaufwand halbwegs kompensiert werden können. Geräuschentwicklung zu antizipieren und von vornherein zu minimieren wird deshalb ein genauso wichtiger Planungsbestandteil werden, wie es die Auswahl biologisch unbedenklicher Materialien heute bereits ist.

Die Suche nach dem richtigen Material führt ihn direkt zum Begriff der Angemessenheit, der als Überschrift über allen Fragen heutigen Bauens stehen sollte. Die überbordende Verfügbarkeit diversester Materialien hat für ihn zu keiner nennenswerten Qualitätssteigerung geführt. Im Gegenteil: Sie hat der Disziplin- und Gedankenlosigkeit Vorschub geleistet. „Uns sollte große Skepsis gegenüber den vermeintlichen Alleskönnern unter den heute erhältlichen Materialien leiten.“ Die Solidität der Materialien, der Verarbeitung und der Gestaltung sind unverzichtbar. „Dass Häuser und ihre Materialien, wie andere Produkte und Gebrauchsgegenstände auch, ein Leben lang und länger halten sollten, gehört ins Zentrum unserer Diskussionen und ist ebenso wichtig wie die volle Recyclingfähigkeit und ressourcenschonende Herstellung.“

Die exklusive Oberfläche, ihre Detailhaftigkeit und ihre Lohn- und Aufwandsintensität sowie die energetische Bedeutung ihrer Verringerung im Verhältnis zum Gebäudevolumen im Hinblick auf Sonneneinstrahlung, Wärmelasten, Wärmeverlusten und Kühllasten nimmt für ihn entscheidenden Einfluss auf die Energiebilanz von Gebäuden. Gerade deshalb wird die Optimierung von Masse, Gewicht, Volumen, Energie und Oberfläche eine zunehmende Rolle spielen.

Der Architekt spielt dabei zunehmend die Rolle eines Regisseurs. Er ist keineswegs der beste Spezialist für irgendeinen Teilaspekt der Planung und Durchführung eines Projektes, sondern vielmehr derjenige, der eine umfassende Vorstellung vom Ganzen hat. Er achtet daher auch auf die räumliche, haptische, psychische, physische Wahrnehmung von Architektur; „man muss den Dingen und den sinnlichen Eindrücken trauen dürfen. Was wie Holz aussieht, sollte auch Holz sein. Was aus Kunststoff gefertigt ist, sollte anders verarbeitet sein als Holz- oder Metallkonstruktionen.“ Wahrhaftigkeit ist insofern für Christoph Ingenhoven die Voraussetzung für richtige Architektur. „Sie ist eine Konvention, die das Leben erleichtert und entspannt.“

Das Zurücknehmen von Architektur, die unaufdringliche, auf das Wesentliche reduzierte Erscheinung von Gebäuden ist in aller Regel bereits an sich wichtig. In energetischer und ökologischer Hinsicht sind diese Kriterien unverzichtbar. Alle Dinge sollten sich an ihrer Notwendigkeit messen lassen müssen. Nicht-Notwendiges kann man in hoch entwickelten Gebäuden selten gebrauchen. In einem Entwicklungsprozess gehört die planerische Unterscheidung von Wesentlich und Unwesentlich, von Notwendig und Nicht-Notwendig zu den wichtigsten Optimierungsgrundlagen. Schönheit und Eleganz sind in der Architektur eine Folge richtiger Entscheidungen. Richtige Architektur ist meist auch schön – und hässliche Architektur selten richtig.

Architekt sein, heißt für Christoph Ingenhoven, aktive Teilnahme an den aktuellen Fragen von Architektur und Gesellschaft. Dabei steht für ihn konzeptuelles Denken, Gestalten und Entwerfen im Vordergrund, mit dem Ziel, weit über das eigene Fachgebiet hinauszublicken und Grundlagen zu schaffen für ein ganzheitliches und verantwortungsbewusstes Handeln als Architekt. Architekten müssen in der Lage sein, Erwartungen und Bedingungen der Gesellschaft aufzunehmen, zu reflektieren und in konkrete Vorschläge und Visionen umzusetzen. „Warum sind so Wenige bereit, auch für die heutige Generation, das Recht einzufordern, ganz eigene Lösungsvorschläge zu machen, neue Wege zu gehen, eigene Experimente und Fehler zu wagen? Architektur ist ein Abenteuer, jedes Projekt eine Chance, eine Herausforderung, etwas Neues, Unbekanntes, Besseres, Leichteres, Schöneres zu erfinden. Sie ist die Chance zum Experiment, sie ist eine Möglichkeit, die man nutzen oder vertun kann. Wir können Häuser konstruieren, die mehr Energie produzieren als sie verbrauchen, für eine nachfossile, solare und andere regenerative Energien nutzende Epoche. Wir werden Lösungen finden müssen für Trabantenstädte und Vorstadtghettos, für das steigende Bedürfnis nach Mobilität und für bessere Krankenhäuser. Und wir werden in diesem Zuge sicher auch unsere Altbauten verändern müssen, adaptieren an zukünftige Möglichkeiten und Notwendigkeiten, und es wird uns eine Freude sein!“ Vorraussetzung: Qualitätsmaßstäbe in Architektur und Städtebau an konkreten Beispielen verdeutlichen und demonstrieren, Mut zur Debatte und auch zur Kontroverse haben, Diskussionen anstoßen– Christoph Ingenhoven macht es.

Text: Dr. Jan Esche